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Das kalte Herz (2016) - Prädikat besonders wertvoll
18. Januar 2017

"Das kalte Herz" (2016), ein Film von Johannes Naber, wurde mit dem Prädikat "Besonders wertvoll" ausgezeichnet.

Jurybegründung:

Der Fantasyfilm "Das kalte Herz", dessen Zeitebene sich historisch nicht genau verorten lassen will, ist eine Parabel auf Verhältnisse, die auch unsere Gegenwart bestimmen. Gezeigt wird eine gesellschaftliche Umbruchsituation, ein existentieller Wandel, der das Leben im Einklang mit der Natur zu Gunsten einer zerstörerischen Industrialisierung Stück für Stück aufgibt. Doch noch besteht eine leise Hoffnung. Wunderbare, dokumentarisch wirkende Bilder ermöglichen dem Betrachter zu Beginn des Filmes, in die Schönheit einer zwar brüchigen, aber noch vorhandenen archaischen Welt einzutauchen. Während die dramatische Handlung in Gang gesetzt wird, erlaubt sich der Film eine besondere, von langen Beobachtungen begleitete Erzählweise. Ob bei den Holzfällern, am Meiler oder in der Glashütte – überall bedarf es noch hoher Handwerkskunst, Geschicklichkeit und Ausdauer, mit den eigenen Händen das für die Menschen Notwendige zu schaffen.

Auch die Tänze erinnern an Rituale der Urvölker. Von der auffälligen Körperbemalung sind zwar nur noch die zarten, auf Ständezugehörigkeit verweisenden Gesichtstätowierungen geblieben. Und auch die Kronen, die in Baumrinde gefasste roten Beeren wie Edelsteine leuchten lassen, erinnern nur noch im Detail an den natürlichen Schmuck aus längst vergangenen Zeiten. Die aber vom Rhythmus getriebenen Tanzbewegungen selbst entwickeln in ihrer ständig gesteigerten Wiederholung eine noch immer ganz ursprüngliche, magische Suggestivkraft, die den Betrachter in ihren Bann zieht.

Es wird schnell klar, dass die Filmschöpfer von Beginn an ihre eigene, eigenwillige und unverwechselbare Lesart des Hauff’schen Kunstmärchens gefunden haben.

Allerdings reisten sie während aller Phasen ihres Projektes „mit schwerem Gepäck“, denn seit rund 100 Jahren existieren zahlreiche Adaptionen der literarischen Vorlage aus der Zeit der Romantik. Darunter auch der 1950 geschaffene DEFA-Filmklassiker von Paul Verhoeven, der mehr als 10 Millionen Zuschauer begeisterte. In dieser Version war es insbesondere die körperliche Präsenz des riesigen und aufs Grausigste verunstalteten Holländer-Michels, die den Kinobesucher bis ins Mark erschütterte und ihm unvergessliche Bilderlebnisse bescherte. Erinnert sei hier insbesondere an die Sequenzen, in der Holländer-Michel dem Kohlenmunk-Peter brutal das Herz aus der Brust reißt, ihm seine rot leuchtenden Trophäen präsentiert und dem Abtrünnigen schließlich eine von Blitz und Donner begleitete Verfolgungsjagd liefert, der Peter nur durch die Hilfe des Glasmännchens entrinnen kann.

In der vorliegenden Neuverfilmung wird der Holländer-Michel quasi auf Menschengröße „eingedampft“, was nicht bedeutet, dass er ungefährlicher daherkommt. Im Gegenteil, den Ausgestoßenen, auf alle Zeit der Liebe Entfremdeten treibt sein riesiger Hass in tiefste Abgründe menschlicher Perversion. Um lebendige Herzen aufzutreiben, an denen er sich berauscht, von denen gar sein Leben abhängt, zieht er alle Register seiner diabolischen Verführungskunst. Hat er jedoch sein Ziel erreicht, schockiert er durch ungebremste Brutalität. Moritz Bleibtreu scheint in dieser schillernden Figur aufzugehen, deren Ambivalenz er spielerisch auslotet und für den Zuschauer auf beängstigende Weise fühlbar macht.

Indem die Filmemacher dem Holländer-Michel eine Vorgeschichte geben, treffen sie den Kern der dem Märchen innewohnenden Gesellschaftskritik: Nicht die mythischen Wesen bedrohen die Natur und damit die Existenz allen Lebens, sondern „steinkalte“ Menschen, die in ihrer Gier jegliches Maß verloren haben und selbst vor Mord nicht zurückschrecken.

Der Vater vom Kohlenmunk-Peter ist ein rechtschaffener Mann, der das kärgliche Brot für seine Familie durch ehrliche Arbeit verdient. Er lehrt den Sohn das schwierige Köhlerhandwerk und dabei insbesondere das von Generation zu Generation gewachsene und weitergegebene Wissen über den Erhalt des Waldes mit geduldiger Selbstverständlichkeit. Dem reichen Holzhändler Etzel ist der unbequeme, ärmliche Widersacher schon lange ein Dorn im Auge. Als Peters Vater aufbricht, um sich mit anderen Köhlern gegen die Preisdiktate des Glasmachers zu verbünden, nutzt der Holzhändler die Gunst der Stunde und bringt den Quertreiber um. Etzel schert sich nicht um das Vermächtnis der Alten, er braucht keine Waldreserven, um nachhaltig wirtschaften zu können. Er will einzig und allein Geld, Reichtum, Macht – so wie all die Gleichgesinnten, die anstelle ihres Herzens einen Stein in ihrer Brust tragen.

Die Waldgeister – in ihrer Körperbemalung eher an indigene Völker als an geheimnisvolle Zauberwesen erinnernd - müssen diesem Treiben machtlos zusehen. Das Glasmännchen kann Sonntagskindern zwar noch immer drei Wünsche erfüllen, aber selbst der Kohlenmunk-Peter wählt seine Wünsche nicht mit Bedacht. Er sehnt sich danach, der beste Tänzer im Dorf zu sein, beim Würfeln immer so viel Geld wie Etzel in seinen Taschen zu haben und die schönste Glashütte zu besitzen. Es ist nur eine Frage der Zeit, da spielt Peter dem Etzel die Taschen leer. Damit verliert natürlich auch er all sein Geld und wenig später sein Herz an den Holländer-Michel, weil er das „Brautgeld“ für die geliebte Lisbeth an den Glasmacher aufbringen muss. Die mythischen Wesen, die Beschützer des Waldes und der Erde aber verlieren zusehends an Kraft. Sie können Peter nicht aufhalten, der nach Monaten der Abwesenheit als reicher Holzhändler heimkehrt und den Wald noch skrupelloser ausbeutet als seine Konkurrenten. Frederick Lau als Darsteller des Peter bewältigt den Wandel vom armen Köhlerjungen zum kalten Geschäftsmann überaus glaubwürdig und ohne plakative Peinlichkeiten. Er beherrscht die Klaviatur der Schauspielkunst scheinbar mühelos und vermag Momente von großer atmosphärischer Dichte zu zelebrieren, die den Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle stürzen.

Über all dieser verrohten Düsternis, die im kongenialen Zusammenwirken von Bild- und Tonebene fast körperlich zu spüren ist, strahlt nur eine Lichtgestalt, eine Hoffnungsträgerin – Lisbeth, die Tochter des Glasmachers, die von Henriette Confurius in all ihren emotionalen Höhen und Tiefen, in ihrer Leidenschaft, ihrer Verzweiflung und ihrer Kraft überzeugend dargestellt wird. Anmutig, aber auch klug wie sie ist, erkennt die junge Frau – ganz im Hauff’schen Sinne – zu Beginn des Filmes unter dem verschmutzten Äußeren des Köhlerjungen eine reine Seele, die ihr der eitle Bastian aus „gutem“ Holzhändler-Hause nicht bieten kann. Sie verliebt sich und hält ihrem Peter auch über eine lange Zeit der Trennung die Treue.

Peters Kampf mit dem Holländer-Michel, die Rückgewinnung der von Maden und Schlangen gepeinigten, jedoch immer noch schlagenden Herzen, lässt die Zuschauer erschaudern. Wer einmal sein Herz an den Holländer-Michel verkauft hat, verliert normalerweise sein Leben, wenn er diese Tat bereut. Peter geht durch die Hölle, bevor es ihm nach schier aussichtslosen Aktionen schließlich doch gelingt, den mächtigen Gegner zu bezwingen und mit Hilfe des Glasmännchens Körper und Seele seiner geliebten Lisbeth zu retten. In dieser opulenten Sequenz entwickelt die im Film stets durchscheinende Parabel auf die Gegenwart ihre größte Sprengkraft: Es ist möglich, umzukehren und die Wunden, die unserem Planeten zugefügt wurden und werden, zu heilen. Dafür aber sind schier übermenschlicher Anstrengungen nötig. Die Botschaft ist unmissverständlich und bedarf im Grunde keiner didaktischen Bekräftigung durch die mahnenden Worte des Glasmännchens am Ende des Filmes.

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Fotos: Weltkino Filmverleih

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